Ein Leitfaden für Makrofotografen - Teil 2: Die Vorbereitung

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Teil 1: Die Ausrüstung

Teil 2: Die Vorbereitung

Teil 3: Die Kameraeinstellungen

Zur erfolgreichen Makrofotografie gehört neben der Ausrüstung (siehe Teil 1 meines Makrofotografie-Guides) auch die passende Vorbereitung. Im zweiten Teil meiner Workshop-Serie möchte ich mich daher dieser widmen.

1. Den Wecker stellen:

Die unangenehme Wahrheit zuerst: Makro-Fotos, wie ich sie in meinem Portfolio zeige (und hierauf bezieht sich dieser Leitfaden ausdrücklich), verlangen es oft, zu sehr unangenehmen Zeiten die Wärme des Bettes zu verlassen. So entstehen die meisten meiner Bilder im ersten Licht des Tages, was im Sommer manchmal dazu führt, dass ich mich um 4 Uhr morgens in der Natur befinde. Doch das frühe Aufstehen lohnt sich als folgenden Gründen:

  • Die Kältestarre: So manch ein Leser wird sich bei Teil 1 des Leitfadens gefragt haben, wie man, wie von mir empfohlen, ein Stativ nutzen soll, ohne das Motiv zu verjagen. Die Antwort liegt in der Biologie der Tiere. Meine Motive (Insekten, Spinnen, Amphibien & Reptilien) sind wechselwarm, d.h. ihre Körpertemperatur wird von der Umgebungstemperatur bestimmt. Dies führt dazu, dass ihre Bewegungsfähigkeit bei kühlen Morgentemperaturen stark eingeschränkt ist. Einer Libelle in der Kältestarre könnt ihr euch problemlos bis auf wenige Zentimeter nähern. Nachteil dieser Vorgehensweise ist, dass die bewegungslosen Motive deutlich schwieriger ausfindig zu machen sind. Unsere Augen reagieren auf Bewegungen. Regungslose Insekten zu entdecken erfordert somit etwas Übung. Ein weiterer Nachteil ist natürlich, dass ihr früh morgens nicht alle Verhaltensweisen dieser Tiere fotografieren könnt.
    Als gute Nachricht für Morgenmuffel lässt sich sagen, dass oben Genanntes auch im begrenzteren Maße für die Abendstunden zutrifft.
     
  • Das Licht: Zu keiner anderen Tageszeit findet ihr so weiches Licht vor, wie in den frühen Morgenstunden. Im ersten Teil habe ich unter dem Stichwort "Diffusor" schon kurz beschrieben, wie störend hartes Sonnenlicht bei der Makrofotografie ist. Weiches Licht ist der Schlüssel zu detailreichen Aufnahmen und schönen Farben. Die Abendstunden sind auch hier ein guter Ersatz.
     
  • Der Wind: Wie in Teil 1 zum Thema "Pflanzenklammer" beschrieben, ist Windstille eine Voraussetzung für erfolgreiche Makrofotografie. Was den Wind betrifft, so sind die frühen Morgenstunden deutlich ruhiger.
     
  • Tautropfen: Dies ist ein zweischneidiges Schwert. Tautropfen können dem Bild oftmals das gewisse Etwas geben. Zu viele Tropfen führen allerdings manchmal dazu, dass das Motiv darunter kaum noch zu erkennen ist. Durch die nächtliche Abkühlung entsteht Tau vor allem früh morgens.
     
  • Das Erlebnis: Ich kann euch sagen, die Einsamkeit, die Ruhe und das zarte Erwachen der Natur am frühen Morgen entschädigen für das frühe Aufstehen. Probiert es aus, es lohnt sich.

Eine Schlankfliege (Leptogaster cylindrica) in der morgendlichen Kältestarre, von Tautropfen bedeckt und mit tau betropftem Spinnennetz im Hintergrund.

2. Die Wettervorhersage prüfen:

Neben dem Stellen des Weckers gehört auch das Prüfen der Wettervorhersage zum festen Bestandteil meiner Vorbereitung auf eine Makro-Tour. Denn wenn das Wetter nicht mitspielt, kann man sich das frühe Aufstehen auch sparen. Auf folgende Werte achte ich besonders:

  • Die Temperatur: Meiner Erfahrung nach sind morgendliche Temperaturen von < 15 °C nötig, um verlässlich Insekten in der Kältestarre fotografieren zu können. Nach warmen Sommernächten kann es daher vorkommen, dass eure Motive auch um 4 Uhr morgens schon aktiv sind.
     
  • Der Wind: Der für mich wichtigste Faktor in meiner Planung. Als Kind der Küste macht dieser mir meistens einen Strich durch die Rechnung. Bei Wind kann man im Makro-Bereich das Bild nicht gestalten und nicht punktgenau fokussieren, da selbst der kleinste Windstoß das Motiv durch den ganzen Bildausschnitt schiebt. Als grobe Faustformel gilt für mich: Unter 15 km/h stelle ich mir den Wecker, unter 10 km/h herrschen für mich paradiesische Bedingungen. Wie gesagt, dies ist eine echte Seltenheit hier im Norden. Wir kennen ja alle den Standardsatz im Tagesschau Wetter: "Der Wind weht schwach bis mäßig, im Norden frisch mit teilweise kräftigen Böen an den Küsten".
    Natürlich empfiehlt sich, den Blick auf die Wetterdaten mit dem Blick aus dem Fenster zu kombinieren, denn das Mikroklima in eurem Foto-Gebiet kann sich deutlich unterscheiden.
     
  • Sonne, Wolken und Regen: Makrofotografie bei Regen macht keine Freude, auch nicht mit einer abgedichteten Kamera wie meiner Olympus E-M5. Ob sonnig oder bewölkt ist für mich hingegen nicht so entscheidend. Ein sonniger Morgen ermöglicht natürlich interessantere Lichtstimmungen (z.B. durch Gegenlicht), dafür gibt ein bedeckter Morgen viel mehr Zeit zum Fotografieren, bevor die Tiere aus ihrer Kältestarre erwachen.
Screenshots vom Google-Wetter. Der hier gezeigte Tag wäre für mich ein geeigneter Kandidat für eine morgendliche Tour.

Screenshots vom Google-Wetter. Der hier gezeigte Tag wäre für mich ein geeigneter Kandidat für eine morgendliche Tour.

3. Das passende Gebiet finden:

Das Schöne an der Makrofotografie ist, dass man sie im Prinzip überall durchführen kann. Jede noch so kleine Grünfläche beherbergt eine Vielzahl von Insekten und Spinnen. Für den Anfänger ist es dabei zunächst egal, ob man eine gewöhnliche Fliege, einen Marienkäfer oder eine seltene Libelle vor der Linse hat. Mit steigender Erfahrung steigen die Ansprüche, was sich im Wunsch nach spezifischeren Motiven äußert. Will man z.B. Libellen fotografieren, so braucht man ein Gebiet in Wassernähe. Ein erster Schritt, geeignete Gebiete zu finden, ist "Google Maps", um Gewässer, Wälder oder Wiesen in der Nähe zu entdecken. Meistens braucht man allerdings viel Zeit, ein neues Gebiet und dessen fotografische Möglichkeiten zu erschließen. Wenn man sich im Gebiet auskennt und z.B. weiß, welche Seite des Teiches am Morgen im Sonnenlicht liegt oder wann wo welche Pflanzen blühen, steigen die Chancen für eine erfolgreiche Fototour erheblich. Dies bringt mich zum nächsten Punkt.

4. Die Biologie der Tiere kennen:

Kenntnis über die Lebensumstände des Wunschmotivs sind der Schlüssel zum Erfolg. Suche ich eine bestimmte Libellenart, so informiere ich mich zum Beispiel, welche Ansprüche dieses an das Gewässer stellt. So bevorzugen viele Arten z.B. stehende Gewässer, während Prachtlibellen (Calopteryx sp.) vorwiegend an Bächen und Flüssen zu finden sind. Bei der Suche nach einer bestimmten Schmetterlingsart empfiehlt sich hingegen, die Futterpflanzen der Raupen zu kennen. Der Aurorafalter (Anthocharis cardamines), meiner Meinung nach einer der schönsten deutschen Schmetterlinge, legt seine Eier bevorzugt an Wiesenschaumkraut und Knoblauchsrauke ab. Findet man also ein Gebiet mit vielen dieser Pflanzen, stehen die Chancen gut, den begehrten Falter zu entdecken.

Links: Aurorafalter an seiner Futterpflanze, der Knoblauchsrauke. Rechts: Gebänderte Prachtlibelle im Schilf eines Fließgewässers.

So, das war meine Routine bei der Vorbereitung auf eine Makro-Tour. Die wichtigste Vorbereitungsmaßnahme lernt jedoch jeder Fotograf auf die harte Tour, nämlich dass die Akkus zu laden sind und die Speicherkarte in der Kamera besser aufgehoben ist, als zu Hause im Computer.

Viele Grüße,

Sören